Was ist beim Erlernen einer Sprache noch wichtig? Wozu sollte man überhaupt Fremdsprachen lernen? Reichen Kenntnisse in Englisch nicht aus? 

 

-Ich kann Englisch. –War’s das schon?

Für ein international orientiertes Unternehmen – heutzutage welches ist es nicht? – ist Englisch ein Muß. Aber reichen Sprachkenntnisse aus, um mit Kunden umzugehen?

In fast jeder Stellenanzeige werden Englischkenntnisse verlangt. Denn Englisch bildet eine gute Basis für Auslandsgeschäfte. Zusätzlich werden auch Sprachkenntnisse in Spanisch oder Französisch das Profil abrunden. Ist es jedoch ausreichend, um neue Märkte zu erschließen bzw. um Kunden zufriedenzustellen? Sollten die Anzeigen nicht präziser ausgeschrieben werden? Was erwarten schließlich Unternehmen mit diesen Sprachkenntnissen? Damit wir diese Fragen beantworten können, müssen wir aber zuerst herausfinden, was bedeutet überhaupt, eine Fremdsprache zu sprechen. Und dann, was man erwarten sollte, wenn jemand sagt, ich kann Englisch, Spanisch oder Französisch.

Eine Fremdsprache zu sprechen, bedeutet, daß man Vokabeln in dieser Sprache gelernt hat. Das heißt, daß man Wörter auf Deutsch kennt und deren Übersetzung in der Fremdsprache. Zusätzlich kennt man die passende Grammatik dazu. Was wiederum bedeutet, daß man Sätze bilden kann. Ok, was noch? Meistens endet die Kompetenz der Kandidaten da: Sie können mit der Sprache umgehen und waren eventuell ein paar Mal im Ausland beim Schüleraustausch oder im Urlaub, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Reichen jedoch diese Sprachkenntnisse, um mit allen, die diese Sprache beherrschen, zu kommunizieren? Anhand ein paar Beispiele werden wir dies zeigen.

Während die Franzosen die drei Mahlzeiten mit Petit-Déjeuner, Déjeuner und Dîner bezeichnen, reden die Schweizer von Déjeuner, Dîner und Souper. Eine Einladung zum Déjeuner kann also zum Frühstück oder zu Mittag gemeint sein. In Belgien trinkt man seinen Kaffee aus einer Jatte, was für die Franzosen eine Schüssel bedeutet. Und wenn der Quebecer noch schnell zum Dépanneur läuft, geht er nicht zum Abschleppdienst, sondern zum Tante-Emma-Laden!

Anderes Beispiel mit der englischen Sprache. Engländer, Amerikaner, Kanadier, Afrikaner, Inder, alle sprechen Englisch und trotzdem weiß jeder, daß man mit ihnen nicht gleich umgehen kann. Geschäfte werden mit dem einen ganz anders als mit den Anderen abgewickelt. Reichen also Wörter nicht, um zu kommunizieren?

Nehmen wir als Beispiel die Uhrzeit. Der Tag wird durch die Uhrzeit strukturiert. Dies ermöglicht den Menschen, sich zu orientieren. Trotzdem wird dieser angeblich feste Begriff je nach Land, Region und Kultur ganz anders wahrgenommen. In Deutschland wird mit Uhrzeit Pünktlichkeit verbunden. In Frankreich versteht man darunter eher „grob gesagt“. Wenn also eine Sitzung in Deutschland geplant wird, weiß der Deutsche, wann die Sitzung anfängt und wann sie endet. In Frankreich erfährt der Deutsche, wann sie offiziell geplant ist, wird jedoch feststellen, daß sie doch mit etwas Verzug anfängt, und wiederum, daß das Ende nicht klar ist.

In der Privatsphäre ist es nicht anders. Während sich Deutsche um 12.00 Uhr oder 20.00 Uhr verabreden, werden Franzosen das Wort „um“ anders interpretieren. Auch wenn das Wort „um“ mit „à“ übersetzt wird, erwartet man Sie jedoch nicht Punkt „um …“, sondern eher „um circa … und zwar etwas später, niemals früher“. Das „à midi“ (um 12.00 Uhr) und das „à 20h00“ (um 20.00 Uhr) werden mit „vers midi, à partir de midi“ und „vers 20h00, à partir de 20h00“ verstanden. Wer also privat um 12.00 Uhr oder um 20.00 Uhr eingeladen wird, sollte ab 12.15 Uhr bzw. 20.15 Uhr kommen. Wer pünktlich kommt, gilt als unhöflich.

Noch ein Beispiel: Mitarbeitern eines Bauunternehmens hatte man nicht klar gemacht, was ein nordafrikanischer Kunde unter „Vertrag“ versteht. Für den Deutschen bedeutet ein Vertrag, etwas das man nicht mehr ändern kann, sobald er von beiden Parteien unterzeichnet wurde. Die Verhandlungen haben vor beiden Unterschriften stattgefunden. Mit seiner Unterschrift erklärt sich jeder dafür bereit, den Vertrag so zu erfüllen, wie es eben drin steht. Diese Selbstverständlichkeit für den Deutschen kann und wird öfter in anderen Ländern anders verstanden. Denn was für einen als „fest vereinbart“ gilt, gilt für den Anderen lediglich als eine gute „Basis“, wo man noch da und da im Laufe des Projektes Änderungen vornehmen kann. Wenn also der Deutsche dann mit: Laut § X, Seite Y, Zeile Z, antwortet, gilt er als arrogant und nicht kundenfreundlich. Einerseits haben wir mit jemandem zu tun, der nun  das Projekt abwickeln will, anderseits mit jemandem, der bei der Abwicklung das Projekt nach und nach verfeinern möchte. Zwei Welten treten aufeinander.

Wie die beiden letzten Beispiele zeigen, spielt hier die Sprache nicht die Hauptrolle, sondern es ist die Wahrnehmung. Das heißt, daß solche Missverständnisse auch ohne Sprachbarriere möglich sind. Denn Kommunikation besteht nicht nur aus Vokabeln und Grammatik, sondern auch aus Kultur, Traditionen. Kommunikation = (Vokabeln + Grammatik) + etwas Immaterielles, das man Kultur, Traditionen nennt. Ähnlich wie das immaterielle Kulturerbe eines Landes kann eine Sprache nur in Verbindung mit Gebräuchen und Traditionen verstanden werden.

Nun können wir unsere Fragen beantworten: ja, Fremdsprachen sind wichtig, indem sie die Kommunikation vereinfachen können, aber nur in Verbindung mit den entsprechenden kulturellen Kompetenzen. Denn kommunizieren ist eine Frage der Interpretation, die man mit der Kultur gewinnt. Ein Schloss ohne den passenden Schlüssel bringt also nicht viel.

Und deswegen ist es sehr schade, wenn man sieht, daß manche Hochschulen nur Wert auf Englisch legen. Denn Unternehmen brauchen nicht nur Englisch. Und wenn Unternehmen Französischkenntnisse für Frankreich, Belgien und die Schweiz zusammen verlangen, haben sie noch nicht verstanden, daß eine Sprache sich wie Weine entfaltet: Durch ihre Umgebung wird sie geprägt und beeinflusst. Aus diesen Gründen und aus meiner persönlichen Erfahrung glaube ich keinem, der in seinem Profil angibt, Französisch fließend zu sprechen, ohne mehrere Jahre bzw. längere Aufenthalte in einem französischsprachigen Land nachweisen zu können.

Also, nochmal auf die Frage: Sollten Anzeigen nicht präziser ausgeschrieben werden? Und Kandidatenprofile ebenso? Die Antwort lautet eindeutig: ja. 

Dr. Patricia Bigdely

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